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    #4 Reisetagebuch

    Reisetagebuch & Seelenstriptease eines Borderliners (BPS)

    „Ich bin einfach müde, die Art von müde, wo kein Schlaf mehr hilft. Ich bin müde vom Leben, müde vom Kämpfen und müde vom Durchhalten. es kostet so viel Kraft, niemanden zu zeigen, wie kaputt man wirklich ist.“

    Verfasser unbekannt

    Samstag, 08. Oktober 2022

    Natürlich ist es so gekommen, wie es kommen musste. Nun bin ich bereits seit über drei Wochen unterwegs und habe noch nicht eine Seite meines Reisetagebuchs gefüllt.

    Vor dem Antritt der Fahrt hatte ich mir fest vorgenommen, jeden Tag ein paar wenige Zeilen zu schreiben, aber irgendwie ist es mir bisher noch nicht gelungen, dieses Vorhaben auch tatsächlich in die Tat umzusetzen.

    Ich habe mir noch nicht einmal die Zeit genommen, mir Gedanken darüber zu machen, wie dieses Reisetagebuch aussehen soll. Soll es eine “nüchtern-sachliche“ Beschreibung meiner Reise werden, oder will ich tatsächlich die Besucher dieser Seite in mein abstruses Gedanken und Gefühlswirrwarr einbinden?

    Eigentlich war es ja mein Vorhaben, mit dieser Seite den einen oder anderen Menschen zu erreichen, der mehr darüber erfahren möchte, wie das Leben eines Menschen mit einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ aussehen kann.

    Zum einen wollte ich mit dieser Seite auf die Vielseitigkeit des Krankheitsbildes aufmerksam machen, zum anderen wollte ich für mich einen Weg finden, künftig besser mit dieser Erkrankung umzugehen, die mir immer mehr Energie abverlangt. Doch ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht auch voller Zweifel und Ängste bezüglich meines “Coming-out“ stecke.

    Mein gesamtes Leben bin ich schließlich immer darauf bedacht, möglichst unauffällig durchs Leben zu schreiten und wenn ich schon mit Menschen in Kontakt kommen muss, dann wenigstens ein gewisses – möglichst positives – Bild zu hinterlassen, dass auf gar keinen Fall Rückschlüsse auf meine Erkrankung zulassen darf.

    Nach einer Denkpause nun folgender Entschluss:

    Ich denke, ich überspringe einfach die ersten Wochen und fange mit den aktuellen Geschehnissen an. Wo ich übernachtet, welche Routen ich bislang gewählt habe, lässt sich ja relativ leicht nachvollziehen. So viele Plätze habe ich ja noch nicht angesteuert.


    Während Kalle und ich Deutschland noch alleine bereist haben, hatten wir für Frankreich einen erfahrenen TourGuide. Die vielen neuen Eindrücke, aber auch die unglaubliche Großzügigkeit meines Reisebegleiters haben mich schlicht und weg überwältigt. 

    Unter anderen wurde ich fürstlich verköstigt. Von selbst gemachten Rinderrouladen bis hin zu über Holzkohle gegrilltem Entrecôt habe ich wirklich die leckersten Speisen serviert bekommen. 

    Darüber habe ich mich selbstverständlich riesig gefreut. Doch wer mich kennt, der weiß, dass ich lieber gebe und mit dem annehmen von Dingen so meine Schwierigkeiten habe. Somit schwamm neben der Freude auch immer das schlechte Gewissen neben her. Welche von Tag zu Tag größer wurde.

    Seit heute reisen Kalle und ich nun jedoch wieder alleine. Meinen Reisebegleiter, der ursprünglich mit mir die spanische Atlantikküste abfahren wollte, hat sich über Nacht ganz spontan dafür entschieden, den direkten Weg nach Lissabon zu nehmen. Ein Grund für seine Entscheidung ist beispielgebend der Wetterbericht für die kommenden Tage. Regen soll es geben und davon möchte er nun so gar nichts wissen. 

    Seine überraschende Information, dass er gleich in Richtung Portugal aufbrechen würde und den Tag nicht wie ursprünglich besprochen noch in Le Teich verweilt, traf mich wie ein Hammerschlag.
    Ein Schlag, der all die Freude und Begeisterung, die ich in mir trug, niedermetzelte.
    Plötzlich waren sie wieder alle da, die negativen Gedanken, die sich seit der Ankunft in Frankreich nicht mehr zu Wort gemeldet hatten, ganz so, als seien sie gar nicht vorhanden. 

    Ein mir sehr gut bekannter Mechanismus wurde aktiviert. Fragen wie: Was habe ich falsch gemacht, dass er keine Lust mehr hat, mit mir zusammen zu reisen? 
    Gefühle von Wertlosigkeit, extremer Einsamkeit waren wieder so präsent wie schon so häufig in meinem Leben zuvor. Beispielgebend wenn meine Eltern, meine Schwester und mich im Alter von etwa drei oder vier Jahren alleine zu Hause zurückgelassen haben. 

    Selbstzweifel, die Frage nach dem Sinn meiner Reise … halt das volle Programm wurde wieder abgespielt. 


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