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    #9 Reisetagebuch / Zurück in die Vergangenheit

    Reisetagebuch & Seelenstriptease eines Borderliners (BPS) 

    „Ich bin einfach müde, die Art von müde, wo kein Schlaf mehr hilft. Ich bin müde vom Leben, müde vom Kämpfen und müde vom Durchhalten. es kostet so viel Kraft, niemanden zu zeigen, wie kaputt man wirklich ist.“

    Verfasser unbekannt 

    18. Oktober 2022

    Für einige Tage ist es mir relativ gut gelungen, meinen Kopf auszuschalten. Es war ganz erholsam, sich mal nicht so viele Gedanken zu machen. Was war anders, dass mir dies gelungen ist?

    Sonntag, den 16. Oktober, sind Kalle und ich rund 550 Kilometer gefahren. Die Strecke war landschaftlich unglaublich beeindruckend. Zudem war sie doch zeitweilig sehr anspruchsvoll. Kurvenreiche Straßen mit einem Steigungs- bzw. Neigungswinkel von bis zu 11 Grad sowie ein gefühlt 30 Kilometer langer Tunnel unter Madrid, in dem Teilweise bis zu vier Ausfahrten gleichzeitig kamen, verlangten mir meine volle Aufmerksamkeit ab.

    Hinzu kommt dieser tolle Stellplatz an diesem besonderen Ort. Hier fühle ich mich recht wohl.

    Doch heute ist es wieder an der Zeit, die Zelte hier abzubrechen. Morgen findet hier ein großer Wochenmarkt statt und da müssen dann alle Camper eh den Platz räumen, dann kann ich auch schon heute fahren. Der nächste Platz liegt nur etwa eineinhalb Stunden weg von hier. Wir kommen unserem Ziel – der Schlangenbucht immer näher.

    Meine letzte Nacht war nicht so toll. Ein spanisches Pärchen hatte gegen Abend den Platz erreicht. Ich würde sagen, Alkohol floss in rauen Mengen. Ein kleiner Ehestreit und anderweitige Aktivitäten des Mannes sorgten dafür, dass ich die gesamte Nacht in hab acht Stellung verbracht habe. Mir liefen wieder die verrücktesten Bilder durch den Kopf und meine gesamte Gefühlslage, mein Wesen, einfach alles veränderte sich.

    Im Wohnmobil saß plötzlich nicht mehr der gestandene Mann von fast 50 Jahren, sondern seine kindliche Version. Ich war in ganzer Linie wieder der kleine Junge von damals. Jener Knirps, der von seinem Onkel mitten in der Nacht aus dem Bett gerissen wurden. Der in einem festen Griff und mit einem Messer an der Kehle um sein Leben fürchtete.

    Ganz so, wie ich es in meiner jüngsten Therapie gelernt habe, habe ich versucht, mir klar zu machen, dass ich eben nicht mehr dieser verlose Junge bin. Das hat nur bedingt funktioniert.

    Ich kam nicht davon los, jedes noch so kleine Geräusch außerhalb meines Wohnmobils zu analysieren. Auch konnte ich mich nicht von dem Gedanken lösen, dass es dieses Mal nicht gelingen würde, mich dermaßen zu überraschen. Und schon gar nicht würde ich einen Angriff auf meine Person wehrlos hinnehmen. Mein Telefon, meine Stöcker, mein Messer, alles lag einsatzbereit an seinem jeweiligen Platz. Zudem hatte ich mir vorsichtshalber die spanische Übersetzung des Wortes “Hilfe“ aus dem Internet geholt.

    Vor meinem innerlichen Auge immer wieder derselbe Film: Um Hilfe schreien und gleichzeitig so brutal wie möglich, ohne Hemmungen mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln auf mein Gegenüber einwirken. Ganz so, wie ich es im Sparring gelernt habe.

    „Dieses Mal bin ich kein Opfer. Dieses Mal hast Du Dir die falsche Person ausgesucht!“

    Irgendwann bin ich dann doch eingeschlafen. Zwar wurde ich immer mal wieder wach, doch ich konnte mich dann auch immer wieder so weit herunterfahren, um noch einmal weg zu dösen.

    Jetzt, wo ich diese Situation zu „Papier“ bringe, merke ich, wie viel Hass und Wut noch in mir ist. Gefühle, die ich unterdrücke. Ich spüre aber auch ein großes Maß an Traurigkeit. Tiefer will ich heute gar nicht in diese Welt eintauchen.

    Ich werde jetzt mal eine Runde mit Kalle drehen und danach das Fahrzeug in den fahrbereiten Zustand versetzen.

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